lgopno06Schatten.jpg (7788 Byte)

seit/since 1999


Gespräch del Monaco - Carignani Teil 2

Homepage

gbf.wmf (2006 Byte)  English

Editorial

Premieren

Berichte

Interviews

Portraits

Kinderoper

News

Links

 

 

 

Gespräch mit Giancarlo del Monaco
(Regisseur und Generalintendant der Oper von Nizza) und Paolo Carignani (Dirigent und designierter
GMD der Oper Frankfurt)

Teil 2 - das Musiktheater -  die Zukunft der Oper

carign3.jpg (4201 Byte)
Paolo und Franziska Carignani


? Herr Carignani, wie wichtig ist für Sie an der Oper die Regie, auch für die musikalische Interpretation und Sicht eines Werkes ? Die Inszenierung von Luisa Miller, die Sie dirigiert haben, besitzt eine extreme Auffassung des Musiktheaters, bei dem eine enge Relation zwischen szenischer Interpretation und musikalische Auffassung besteht. Es gibt das Klischee, daß Italiener die Stücke nur schön gesungen und schmissig inszeniert haben wollen, daß sie eine konventionelle Regie bevorzugen.

P.C.: Stimmen, wie die, die Mario del Monaco, der Vater von Herrn del Monaco, gehabt hat, gibt es heute offensichtlich überhaupt nicht mehr. Es gab die Tebaldi, die Callas, es gibt Domingo, aber er ist auch nicht mehr der Allerjüngste. Es gibt leider nicht mehr die Stimmen, die erlauben würden, das italienische Opernkonzept zu verwirklichen. Deshalb können neue interpretative Ansätze nur vom Regietheater kommen. Wer kann zum Beispiel den Falstaff so gut wie Toscanini nach Toscanini dirigieren ? Aber es gibt große Regisseure, die dem Falstaff neue Ansätze gegeben können, wenn auch Toscanini nicht mehr dirigiert. Ich glaube, daß das Regietheater eine große Chance für die Zukunft der lyrischen Oper ist. Mit einem Regisseur zu arbeiten, heißt natürlich auch, mit einem Regisseur zusammen die Partitur spielen zu lassen. Ich habe überhaupt nichts gegen moderne oder extreme Regie, wie Sie es genannt, haben. Z.B. hat mir die 'Salome' in Frankfurt sehr gut gefallen, weil man die Partitur der 'Salome' mit der Musik gehört hat. Es kann jedoch auch vorkommen, daß es Regien gibt, bei denen man die Partitur nicht mehr heraushört. Solche Regieformen können mich natürlich nicht begeistern.

 

carign4.jpg (3034 Byte)
Giancarlo
del Monaco

 

G.d.M: Ich teile die Meinung von Herrn Carignani. Nach 35 Jahren Deutschland und drei Intendanzen mit Oper, Schauspiel und Ballett und allem, was dazugehört, kann man mir nicht vorwerfen, daß ich ein typischer italienischer Regisseur sei. Musiktheater, dieses felsensteinische Bibelwort, ist ein wesentlicher und maßgeblicher Bestandteil der deutschen Kultur. Musiktheater, musikalisches Theater; das die Identität dieses Volkes. Oper ist ein Wort des 19. Jahrhunderts. Musiktheater ist ein Wort des 20. und sicherlich des 21. Jahrhunderts. Das ist mir klar und das ist Herrn Carignani klar. Wir haben gemeinsam neue Lücken geöffnet.
Ich fände es zum Beispiel sehr gut, wenn man so etwas (in Zukunft wieder) machen könnte, was ich z.B. sehr oft gemacht habe. So zu arbeiten, daß ein Konzept nicht mit einem Menschen in Japan, dem anderen in Frankfurt, dem dritten Bühnenbildner per Telefon aus Neuseeland entsteht. Sondern, daß wirklich eine Gruppe von Menschen auch gemeinsam das Konzept entwickelt. Das hat Gielen getan, das hat Dohnányi getan. Wir dürfen das nicht vergessen. Ich habe hier inszeniert unter Dohnányi. Man spricht sehr viel von der Ära Gielen, aber man darf nicht vergessen, daß die Ära Dohnányi eine fabelhafte Ära war. Die Ära Gielen wäre gar nicht möglich gewesen ohne die Ära Dohnányi, um ehrlich zu sein. Bei dieser Hetze heute, bei diesen Flugzeugen, die rasen, diese Zügen, die 300 km in der Stunde fahren, ist es praktisch de facto unmöglich ein Ensemble aufzubauen. Es ist sehr schwierig. In Frankfurt sind die Ansätze da und gute Ansätze da. Ich muß sagen, als ich Regieassistent in Stuttgart bei Walter-Erich Schäfer war, da gab es ein Ensemble, das heute gar nicht möglich wäre: Wolfgang Windgassen, Gustl Neidlinger, Gottlob Frick. Ich erinnere mich, als mein Vater in Stuttgart Otello sang, war der Wunderlich der Cassio. Wenn Sie heute einem lyrischen Tenor den Cassio anbieten, ruft er einen Anwalt. Verstehen Sie was ich meine ? Diese Ensemble bedeuteten auch Aufopferung zu Gunsten des Theaters durch eine Persönlichkeit, die Walter-Erich Schäfer tatsächlich war. Ich erinnere mich genau an die Zeit in Berlin. Lassen wir Felsenstein, der nicht so auf Stimmen gesetzt hat, aber gehen wir zu Rudolf Sender. Dort habe ich einmal Karl Böhm auf der Treppe getroffen und er sagte, 'ich habe die Nase voll mit Strauss, ich will Turandot dirigieren' und er dirigierte Turandot. Heute ist es undenkbar, daß man einem Tycoon des Dirigierens sagt, 'sag' mal, willst Du mir Tiefland dirigieren?' Damals gab 'es große Dirigenten, die Tiefland dirigierten. Heute gibt es z.B. gewisse Ängste, intellektuelle Ängste, ein gewisses Repertoire zu machen. Heute, wenn es nicht unbedingt Kaviar ist, so Janácek, Minimum, dann drehen die Leute durch. Es ist ein bißchen so. Man muß im Theater auch das Gefühl haben, wir haben eine breite Palette, die geht von 'Cavalleria' und 'Pagliacci' bis meinetwegen zu 'Moses und Aron'. Ich würde heute keine Schande fühlen, 'Tiefland' zu inszenieren, was ich noch dazu für ein sehr gutes Stück halte. Aber die Bildung des Ensembles ist wahrscheinlich heute schwieriger. Um das, was Herr Carignani sagt, zu bekräftigen. Ich hoffe, daß es Herr Carignani in diesem Theater mit seinem Intendanten und seinen Mitarbeitern erreicht, weil nur so ist es möglich, gut zu probieren, lange zu probieren und eine Produktion reifen zu lassen. Vergessen wir bitte nicht, daß Domingo fest in Hamburg war, daß die Caballé fest in Basel und Bremen war. Heute ist das Ensemble-Theater flöten gegangen, wie man so brutal sagt. Nicht zu Gunsten des Musiktheaters. Es ist für mich ein Krisenmoment. Man sollte versuchen, eine Art Musiktheater wieder mit einem Ensemble zu bauen. Es ist wie mit einem Orchester. Ein Orchester braucht seinen Dirigenten, um seinen Stil zu finden. So wie gewisse Sänger. Denken Sie z.B. an die Winter-Bayreuths von Wieland Wagner. Es waren immer die gleichen Sänger, die in Bayreuth und Stuttgart tätig waren. Deswegen wurden sie zu Spezialisten und deswegen wurden diese Aufführungen so grandios. Es gab einen Bariton an der Wiener Staatsoper bei der 'Macht des Schicksals'. Er hat gesagt, 'alles Scheiße, ich mache sowie so das was ich immer gemacht habe, ich halte das sowieso für das Beste'. Wenn der fest ist, den knete ich, bis er das tut, was er tun muß. Wenn er für 40.000 Mark kommt und wieder weggeht, kriegt er Dich. Weil da der Vorhang aufgehen muß, ist der Kompromiß vorgegeben und die Aufführung im Eimer im Sinne des Musiktheaters.

Zurück zum Anfang des Textes

 

 

Copyright for Text & Layout © 1998 - 2012 Birgit Popp
 

Alle Angaben ohne Gewähr. Für die Gültigkeit und Richtigkeit der auf dieser Website veröffentlichten Namen, Angaben, Termine und Daten wird keine Haftung übernommen, ebensowenig für den Inhalt von Websites, auf die Links verweisen. No responsibility is taken for the correctness of names, dates or other information published on this website as well as for the contents of websites links are pinting to.